- PRESSEBERICHTE -
(Quelle: NGZ)


Zwei Millimeter sorgen für jede Menge Wirbel

 

Von David Beineke

Zwei Millimeter sorgen derzeit bei den Tischtennisspielern für große Unruhe und Ärger. Seit Ende Juni steht fest, dass schon ab der kommenden Saison im Westdeutschen Tischtennisverband in allen Klassen ab Landesliga mit dem neuen 40-Millimeter-Ball gespielt werden muss. Probelmatisch wird die Angelegenheit, weil sich alle Klassen darunter noch ein Jahr mit dem alten 38-Millimeter-Ball begnügen müssen. Durch die uneinheitliche Regelung ergeben sich auch für die Vereine im Kreis Neuss jede Menge Schwierigkeiten.

In den zurückliegenden Wochen finden die Mitarbeiter des Deutschen Tischtennisbundes (DTTB) in Frankfurt kaum noch eine ruhige Minute. Seit der DTTB-Hauptausschuss am 24. Juni beschlossen hat, dass zum Saisonstart 2000/2001 nicht wie zuvor geplant erst ab der Oberliga der neue Ball mit einem Durchmesser von 40 Millimetern eingesetzt werden muss, sondern schon ab der Landesliga, stehen Telefon und Faxgerät am Main nicht mehr still. "Ich musste mich in letzter Zeit mehr als Seelsorger betätigen als alles andere", sagt Michael Keil, der gleich in dreifacher Hinsicht von der neuen Regelung betroffen ist - als hauptberuflicher Mitarbeiter des DTTB, als Vorsitzender des Tischtennisbezirks Düsseldorf und als Vorsitzender des TTC Grevenbroich.

Er weiß also, wovon er spricht, wenn er sagt: "Die ganze Diskussion um den neuen Ball wirft in der Öffentlichkeit nur ein schlechtes Bild auf den Tischtennissport und ist kontraproduktiv zu dem, was eigentlich mit der Regeländerung erreicht werden sollte. Nämlich den Tischtennisport attraktiver und für den Zuschauer durchsichtiger zu machen. Wir müssen jetzt versuchen, das Beste daraus zu machen." Verantwortlich für die schwierige Situation ist der Tischtennis Weltverband (ITTF), der nicht nur beschlossen hat, dass künftig mit dem neuen Ball gespielt werden muss, sondern auch, dass dies auf internationaler Ebene nach den Olympischen Spielen in Sydney zu geschehen hat.

Da dieser Termin für Deutschland äußerst ungünstig ist - er liegt kurz nach dem Saisonstart -, leisteten die Funktionäre des DTTB massiven Widerstand, wurden aber von den anderen Mitgliedsländern überstimmt. Den nationalen Verbänden war es zwar freigestellt, den Einführung des 40-Millimeter-Balles auf nächstes Jahr zu verschieben, doch mit Rücksicht auf die internationale Konkurrenzfähigkeit, schwenkte der DTTB schnell auf die Linie, die größere Zelluloidkugel ab der Oberliga aufwärts schon in der neuen Saison zur Pflicht zu machen. Die anderen Klassen sollten dann ab dem 1. Juli 2001 folgen. Damit hatten sich die Tischtennisszene schon mehr oder weniger angefreundet, doch dann hieß es Ende Juni erneut umdenken.

Kurz vor Beginn der Sommerferien und damit auch vor Schließung der Hallen, beschloss der DTTB bei seinem Hauptausschuss in Frankfurt - unter anderem aufgrund eines Antrages des Westdeutschen Tischtennisverbandes (WTTV)-, dass jeder Landesverband individuell entscheiden kann, ob er ab Saisonbeginn 2000/2001 auch schon in Landes- und Verbandsliga das neuer Spielgerät einsetzen lässt. Bei allen Individualwettbewerben auf Landesebene ist der neue Ball obligatorisch, darunter können Bezirke und Kreise frei entscheiden, wie sich bei ihren Meisterschaften verhalten. Dass sich der WTTV entschieden hat, diesen Weg zu gehen und schon ab Ende August den 40-Millimeter Ball in seinen Verbands- und Landesligen zur Pflicht zu machen (Bayern zum Beispiel nicht), löste einen Proteststurm aus - Ignoranz, Dilettantismus und Ahnungslosigkeit wurden dem Verband vorgeworfen.

Auch viele Vereine im Kreis Neuss sind von der Regelung betroffen, nämlich die, die sowohl eine Mannschaft auf Landesebene als auch auf Bezirksebene haben. Müsste ein Bezirksliga-Spieler nämlich auf Landesebene Ersatz spielen, müsste er im Gegensatz zu seiner Liga mit dem größeren Ball spielen. Wer schon mal auf höherem Niveau Tischtennis gespielt hat, weiß, dass das kaum möglich ist. Zumal auch ein Trainingsbetrieb zwischen Spielern über und unter der Schnittstelle Bezirksliga/Landesliga nur noch schwer möglich ist. Es stellt sich jedesmal die Frage, ob 38- oder 40-Millimeter-Ball? Bruno Dünchheim, Vorsitzender des WTTV, führt als Hauptgrund für die Entscheidung den Nachwuchs und die Finanzen ins Feld: "Da die Ergebnis auf Bundesebene mit erheblichen Fördermitteln verbunden sind - das geht in den fünfstelligen Bereich - können wir es uns nicht erlauben, dass unser Nachwuchs auf nationale Ebene nicht gut abschneidet."

Deswegen müssten gerade die Jugend die Möglichkeit haben, sich auch im Meisterschaftsbetrieb an den neuen Ball zu gewöhnen. Die Variante, die neue Regelung gleichzeitig in allen Spielklasse einzuführen, wurde schon früh verworfen. Der Grund: Man wollte die Industrie und die Vereine nicht in ein finanzielles Fiasko führen. Schließlich liegen noch riesige Mengen der alten Bälle auf Halde und auch mancher Verein hat sich in der Vergangenheit kräftig eingedeckt. Außerdem ist es fraglich, ob die Industrie, die hauptsächlich im fernen China angesiedelt ist, die große Nachfrage decken könnte. Schließlich muss der Ball aus Zelluloid auch eine gewisse Lagerungszeit haben, bis er seine perfekte Konsistenz und Haltbarkeit erreicht. Trotzdem, auch wenn die alten Bälle auf diese Weise noch unters Volk gebracht werden, das neue Spielgerät wird deutlich teurer: Haben 100 Bälle bisher etwa 199 Mark gekostet, müssen für die Neuen rund 279 Mark hingeblättert werden - eine Steigerung von 40 Prozent.

Hinzu kommt, dass die 40-Millimeter-Version derzeit noch sehr rar ist. Ludger Kreuels, Spieler des Oberligisten TG Neuss und Sportartikelhändler, weiß davon ein Lied zu singen: "Ich habe welche geordert, doch es hieß, ich müsse mit einigen Wochen Lieferzeit rechnen." Trotzdem konnte Kreuels schon vier Trainingseinheiten bei der TG absolvieren, weil der Verein doch zehn 40-Millimeter-Exemplare für die Saisonvorbereitung der ersten Mannschaft ergattern konnte: "Optisch sieht man den Unterschied nur, wenn man die Bälle direkt nebeneinander hält. Aber das Flugverhalten ist ganz anders und ich habe schon zwei Mal spielen müssen, bis ich mich einigermaßen daran gewöhnt habe." Genauso wie Kreuels ist auch der Kreisvorsitzende Jakob Mäurer davon überzeugt, dass eher die Defensivspieler von dem neuen Material profitieren: "Die sind insgesamt sicherer und variabler.

Das heißt, sie sind nicht auf ganz bestimmte Bewegungsabläufe festgelegt." Mäurer geht davon aus, dass bei den nächsten Kreismeisterschaften komplett mit den großen Bällen gespielt wird, die endgültige Entscheidung soll auf einer Vorstandssitzung im August fallen. Ähnlich sieht's im Bezirk aus, wo der Vorsitzende Michael Keil mischen will. Bei den Bezirksmeisterschaften soll in den Hauptklassen mit dem großen Ball gespielt werden, ansonsten mit der alten Version. Keil: "Es gibt keine gute Lösung, wir können nur Versuchen die Schwachstellen zu minimieren. Im nächsten Jahr müssen sowieso alle mit dem neuen Ball spielen, dann haben sich alle Probleme erledigt."

Quelle: NGZ

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